Regionalpartner Landgut Pretschen
Landgut Pretschen - Gutes vom Landgut
Seit 1999 bewirtschaftet Familie Philipp das Landgut Pretschen im Spreewald. Der Demeter-Betrieb hat zwei Standbeine: seine rund 650 Tiere starke Milchwirtschaft und die größte biologische Chicorée-Treiberei weit und breit.
Kühe und Chicorée – wie geht das zusammen?
„Ziemlich gut. Gerade weil unsere Betriebszweige so unterschiedlich sind, machen sie Sinn: Die traditionelle Milchviehhaltung mit Kälbermast und eigenem Futteranbau verlangt viel Platz und einen enormen Arbeitseinsatz vor allem im Sommerhalbjahr. Der Chicorée beschäftigt uns dagegen den Winter über und begnügt sich mit einigen abgedunkelten Hallen.“
War dieses Betriebskonzept von Anfang an geplant?
„Nein. Aber als wir das Landgut mit seinen Tieren und Gebäuden von der Treuhand kauften, arbeiteten hier noch 24 Menschen. Wir wollten möglichst viele Arbeitsplätze erhalten und gleichzeitig einen zukunftsfähigen Bio-Betrieb aufbauen. Also mussten wir uns zusätzlich zu den Kühen noch etwas einfallen lassen. Nahe liegend wäre ein Gartenbau-Zweig gewesen. Aber unsere Böden bieten sich dafür nicht gerade an. Deshalb suchten wir weiter und wagten im Winter 2000 das Chicorée-Experiment.“
Wie lief das Experiment an?
„Auf Seiten des Chicorées erfreulich. Nur wir sind anfangs mit der Ernte nicht nachgekommen. Ich werde den Tag nicht vergessen, an dem der Lkw unseres Großhändlers auf den Hof fuhr und wir noch beim Schneiden und Packen waren. In meiner Not habe ich damals Hans-Peter Frucht, einen Bio-Erzeuger aus dem Oderbruch angerufen. Und der hat mir den rettenden Tipp gegeben, die Sprossen nicht von der Wurzel zu schneiden, sondern einfach abzubrechen. So machen wir das seitdem und liefern rund 40 Tonnen Chicorée pro Winter, ganz ohne Wartezeit.“
Erfüllt der Chicorée seinen Zweck und rechnet sich als eigener Betriebszweig?
„Das tut er. Unser Chicorèe ist ein wichtiges Standbein geworden, der es uns erlaubt, viele Mitarbeiter auch im Winter zu beschäftigen. Heute arbeiten 14 feste Mitarbeiter, drei Azubis, zehn Saisonkräfte und vier Familienarbeitskräfte auf Pretschen. Interessanterweise ist der Chicorée bei uns fest in Frauenhand. Wir Männer bauen nur die Wurzeln an, ansonsten wären wir zu langsam und würden zu viel wegputzen, heißt es. Aber der Erfolg gibt den Pretschener Frauen recht: Wir sind inzwischen der größte Bio-Chicorée-Produzent in ganz Deutschland. In den Gemüseregalen der Bio Company haben wir seit Jahren einen Stammplatz.“
Wie funktioniert das jetzt genau mit der Produktion von Chicorée?
„Das ist tatsächlich ein wenig kompliziert: Im Mai säen wir Zichorien – so heißt die Pflanze erst einmal – auf etwa 10 Hektaren aus. Die Zichorien bilden während des Sommers rübenartige Wurzeln und üppige Blätter aus. Im Oktober ernten wir dann die ganze Pflanze: Die Kühe bekommen den Putzabfall, die Wurzeln sind die Basis für den Chicorée.
Diese Wurzeln, die eigentlich schon alles getan haben, was man von einer Nutzpflanze verlangen kann, schneiden wir auf gleiche Länge und lagern sie für mindestens zwei Wochen in einem Kühlraum. Wir versetzen sie sozusagen in einen künstlichen Winter. Dann stecken wir sie schön in Reih und Glied in große Plastikwannen, die in einem relativ warmen dunklen Raum permanent gewässert werden. In diesem Klima treiben die Wurzeln innerhalb von drei Wochen neue Sprossen aus. Und die nennt man Chicorée. Wir müssen den Chicorée jetzt nur noch von der Wurzel abbrechen und in Kisten packen. An guten Tagen schaffen wir mitunter eine ganze Tonne. Bis zum April werden wir rund 100 Tonnen geerntet haben.“
Und warum muss der Chicorée im Dunklen treiben?
„Bei Licht entwickelt Chicorée einen Bitterstoff namens Intybin. Der ist in Maßen durchaus erwünscht, weil er Magen und Darm, Leber und Galle gut tut. Aber bekommt der Chicorée zuviel Licht ab, wird er grün und einfach zu bitter. Deshalb steht er beim Treiben in völliger Dunkelheit. Und wenn wir nach dem Rechten sehen, machen wir nicht etwa das Hallenlicht an, sondern leuchten mit einer Taschenlampe. Der Chicorée speichert Licht nämlich, er merkt sich jede Minute und wird immer ein wenig bitterer, auch wenn man ihm das von außen nicht ansieht. Wir beeilen uns darum auch bei der Ernte und packen die Sprossen sofort in dunkle Folie ein. Auch im Laden und zu Hause im Kühlschrank sollte Chicorée immer eingeschlagen bleiben. Dann schmeckt er am besten und enthält trotzdem eine gesunde Portion Bitterstoffe.“
Was hat Chicorée sonst noch zu bieten?
„Chicorée ist sehr vielseitig. Man kann ihn kochen, dünsten, überbacken oder auch als Salat essen. Und gerade beim Salat hat man im Winter ja nicht besonders viel Auswahl. Chicorée ist von seinen Nährstoffen her etwa mit Kopfsalat zu vergleichen – nur bleibt er viel länger knackig. Im Chicorée stecken verschiedene Nährstoffe, vor allem eine Menge Provitamin A, das die Abwehrkräfte stärkt. Und die kann man ja gerade in der Erkältungszeit gut gebrauchen.“
Zurück zur Milchwirtschaft: An wen geht die Milch vom Landgut Pretschen?
„Wir liefern an die Gläserne Molkerei nach Münchehofe und zum Ökodorf Brodowin. Das heißt, unsere Milch wird in der Region verarbeitet und auch vertrieben. Diese kurzen Wege sind uns überhaupt sehr wichtig: bei der Milch, beim Chicorée und beim Fleisch, das wir ja auch noch anbieten. Die meisten Milchviehbetriebe geben ihre Kälber zur Mast weiter. Aber wir akzeptieren die Transportbedingungen nicht. Deshalb mästen wir unsere Kälber selbst. Sie bekommen bei uns Milch und Bio-Futter, dürfen auf der Weide herumspringen und werden mit acht Monaten im Nachbardorf geschlachtet.“
Was bringt die eigene Kälbermast?
„Erst einmal ein ruhiges Gewissen, das wir seit dem Tage empfinden, an dem wir einen Viehhändler ausführlich befragt und dann unverrichteter Dinge wieder weggeschickt haben. Dieses ruhige Gewissen geben wir an unsere Kunden weiter. Unabhängig davon schmeckt Kalbfleisch einfach besser, wenn die Tiere artgerecht groß gezogen und stressfrei geschlachtet werden.






